Unwort des Jahres 2023 gewählt

Sprache & Kultur

Unwort des Jahres 2023 gewählt

Unwort des Jahres 2023: Remigration

„Remigration“ ist das Unwort des Jahres 2023

Die Philipps-Universität Marburg hat am 15. Januar das Unwort des Jahres 2023 bekannt gegeben. Sieger der sprachkritischen Aktion ist „Remigration“. Das Wort, das vom lateinischen Verb „remigrare“ (deutsch „zurückwandern“, „zurückkehren“) abgeleitet ist, stelle einen Euphemismus für die Forderung nach Zwangsausweisung bis hin zu Massendeportationen von Menschen mit Migrationsgeschichte dar. 2023 sei es als rechter Kampfbegriff, beschönigende Tarnvokabel und ein die tatsächlichen Absichten verschleiernder Ausdruck gebraucht worden. Ursprünglich stammt der Begriff aus der Migrations- und Exilforschung und umfasst verschiedene, vor allem freiwillige Formen der Rückkehr – darunter die Rückkehr jüdischer Menschen aus dem Exil nach 1945 –, werde allerdings bewusst ideologisch vereinnahmt und umgedeutet.

Der diesjährige Gastjuror Ruprecht Polenz kommentiert die Verwendung und Wahl des Ausdrucks zum Unwort folgendermaßen:

„Der harmlos daherkommende Begriff Remigration wird von den völkischen Nationalisten der AfD und der Identitären Bewegung benutzt, um ihre wahren Absichten zu verschleiern: die Deportation aller Menschen mit vermeintlich falscher Hautfarbe oder Herkunft, selbst dann, wenn sie deutsche Staatsbürger sind. Nach der Wahl zum ‚Unwort des Jahres‘ sollte diese Täuschung mit Remigration nicht mehr so leicht gelingen.“

Hintergrund der Aktion

Das Unwort des Jahres wurde in diesem Jahr zum 33. Mal bekannt gegeben. Die Aktion, die es seit 1991 gibt, ist institutionell unabhängig und ehrenamtlich. Bis 1994 wurde sie von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) durchgeführt. Die Jury erhielt diesmal insgesamt 2301 Einsendungen mit 710 verschiedenen Ausdrücken. Davon entsprachen knapp 110 den Unwort-Kriterien der Jury. Unter den häufigsten Einsendungen (mehr als 10), die aber nicht zwingend den Kriterien der Jury entsprechen, waren: „Doppelwumms“ (12), „Gamechanger“ (12), „Klimakleber“ (20), „Kriegstüchtigkeit“ (71), „kulturelle Aneignung“ (12), „Nachhaltigkeit“ (10), „Remigration“ (27), „Sondervermögen“ (62), „Stolzmonat“ (982), „Technologieoffenheit“ (78). Zur Jury gehören: die vier Sprachwissenschaftler Dr. Kristin Kuck (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg), Prof. Dr. Martin Reisigl (Universität Wien), Prof. Dr. David Römer (Universität Kassel), Prof. Dr. Constanze Spieß (Sprecherin der Jury; Philipps-Universität Marburg) und die Journalistin Katharina Kütemeyer. Als jährlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr Ruprecht Polenz (Mitglied des deutschen Bundestages a. D., CDU) zu Gast.

Weitere Platzierungen

Platz 2: „Sozialklimbim“
Dieser Ausdruck wurde im Zuge der öffentlich-politischen Diskussionen um die Kindergrundsicherung verwendet und stehe in sozialpolitischen Debatten für eine im Jahr 2023 wieder häufiger zu beobachtende klassistisch diskriminierende Rhetorik. Einkommens- und vermögensschwache Personen werden herabgewürdigt und diffamiert, als handle es sich bei sozialen Transferleistungen, die Menschen ein Leben in Würde sichern sollen, um unnützes Beiwerk oder sinnloses Getue. Außerdem stigmatisiere der Ausdruck eine besonders vulnerable Gruppe – nämlich von Armut betroffene oder armutsgefährdete Kinder – und suggeriere, dass die Bedürfnisse dieser Kinder wenig Bedeutung für Gesellschaft und Politik haben.

Platz 3: „Heizungs-Stasi“
Dieser Ausdruck, der die Wörter „Heizung“ und „Stasi“ (= Staatssicherheit; Abkürzung für das „Ministerium für Staatssicherheit“ in der DDR) verbindet, diene der populistischen Stimmungsmache gegen Klimaschutzmaßnahmen (Gebäudeenergiegesetz GEG), verunglimpfe das demokratische Gesetzgebungsverfahren und verhöhne die Opfer der Staatssicherheit.

Unwörter der vergangenen Jahre

  • 2022 Klimaterroristen
  • 2021 Pushback
  • 2020 Rückführungspatenschaften | Corona-Diktatur*
  • 2019 Klimahysterie
  • 2018 Anti-Abschiebe-Industrie
  • 2017 alternative Fakten
  • 2016 Volksverräter
  • 2015 Gutmensch
  • 2014 Lügenpresse
  • 2013 Sozialtourismus
  • 2012 Opfer-Abo
  • 2011 Döner-Morde
  • 2010 alternativlos
  • 2009 betriebsratsverseucht
  • 2008 notleidende Banken
  • 2007 Herdprämie
  • 2006 freiwillige Ausreise
  • 2005 Entlassungsproduktivität
  • 2004 Humankapital
  • 2003 Tätervolk
  • 2002 Ich-AG
  • 2001 Gotteskrieger
  • 2000 national befreite Zone
  • 1999 Kollateralschaden
  • 1998 sozialverträgliches Frühableben
  • 1997 Wohlstandsmüll
  • 1996 Rentnerschwemme
  • 1995 Diätenanpassung
  • 1994 Peanuts
  • 1993 Überfremdung
  • 1992 ethnische Säuberung
  • 1991 ausländerfrei

* Für das Jahr 2020 entschied sich die Jury zum ersten und bislang einzigen Mal für zwei Unwörter.

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