Fielmann und Apollo Optik, Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, die EU-Kommission, die Deutsche Telekom und die Evangelische Nordkirche erhalten „Oscars für Datenkraken“
Die Organisation Digitalcourage e. V. und andere Bürgerrechtsorganisationen haben am 25. September 2026 zum 26. Mal die Big Brother Awards 2026 verliehen. Gewonnen haben diesen Negativ-Preis Fielmann und Apollo Optik, Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, die Europäische Kommission, die Deutsche Telekom AG sowie die Evangelische Nordkirche.

Preisträger pro Kategorie
Kategorie Technik
Der Big Brother Award 2026 in der Kategorie Technik geht an die Optiker-Ketten Apollo Optik und Fielmann für ihren Vertrieb von Smart Glasses, insbesondere der Ray-Ban-/Meta-Brillen. Die mit Kameras und Mikrofonen ausgestatteten Brillen ermöglichen weitgehend unauffällige Bild- und Tonaufnahmen. Für Außenstehende sei dabei nur schwer zu erkennen, ob sie gerade aufgenommen werden. Die Jury kritisiert, dass Fielmann und Apollo die Geräte einem breiten Publikum zugänglich machen und Meta damit das Eindringen in immer mehr Lebensbereiche ermöglichen.
Laudatorin Elisabeth Niekrenz fasst die Kritik in ihrer Laudatio wie folgt zusammen: „Fielmann und Apollo Optik normalisieren heimliches Filmen und Abhören – und verdienen Geld an der Stalkerware.“
Kategorie Behörden & Verwaltung
Der Big Brother Award in der Kategorie Behörden & Verwaltung geht an Bundesinnenminister Alexander Dobrindt für die Registermodernisierung und die Nutzung der Steuer-ID als registerübergreifendes Identifikationsmerkmal. Mit der Registermodernisierung werde die Steuer-ID zur einheitlichen Personenkennziffer für Bürger. Die Jury kritisiert, dass dadurch bislang getrennte staatliche Datenbestände leichter miteinander verknüpft werden können.
Laudator Frank Rosengart kritisiert in seiner Laudatio: „Die Einführung eines einheitlichen Personenkennzeichens für alle Register ist ein entscheidender Schritt zum gläsernen Bürger.“
Kategorie EU/Europa
Der Big Brother Award in der Kategorie EU/Europa geht an die Europäische Kommission für den „Digitalen Omnibus“. Mit dem Gesetzespaket wolle die Kommission europäische Digitalregeln vereinfachen, Bürokratiekosten senken und die Wettbewerbsfähigkeit stärken.
Die Jury sieht darin dagegen einen weitreichenden Abbau bestehender Datenschutzstandards. Kritisiert werden insbesondere geplante Änderungen an der Datenschutz-Grundverordnung und anderen europäischen Digitalgesetzen, durch die Unternehmen mehr Möglichkeiten zur Verarbeitung personenbezogener Daten erhalten könnten – unter anderem für KI-Anwendungen.
Gastlaudator Ralf Bendrath warnt: „Mit dem ‚digitalen Omnibus‘ droht der Abbau von Kernelementen des europäischen Datenschutzrechts und seiner Schutzstandards.“
Kategorie Präventiv
Der Big Brother Award 2026 in der Kategorie Präventiv geht an die Deutsche Telekom AG. Anlass seien Berichte und Indizien über Überlegungen, die Deutsche Telekom und ihre US-Tochter T‑Mobile US künftig enger zusammenzuführen oder unter einer gemeinsamen Holding zu organisieren.
Die Jury warnt davor, dass eine solche Konstruktion – abhängig von ihrer konkreten Ausgestaltung – dazu führen könnte, dass deutsche Telekommunikationsdaten stärker dem Zugriff nach US-amerikanischem Recht ausgesetzt wären. Eine Rolle spielen dabei insbesondere FISA Section 702, der CLOUD Act und die Executive Order 12333.
Der Preis wurde ausdrücklich präventiv verliehen. Laudatorin Rena Tangens erklärt: „‚Connecting your world‘ wirbt die Telekom. Nach der Fusion mit T‑Mobile US würde das bedeuten: Verbunden mit Washington, mit der FCC, mit US-Geheimdiensten.“
Kategorie Zivilgesellschaft
Der Big Brother Award 2026 in der Kategorie Zivilgesellschaft geht an das Landeskirchenamt der Evangelischen Nordkirche. Die Nordkirche habe mit ihrem IT-Gesetz die einheitliche Nutzung von Microsoft-365-Diensten beschlossen und verpflichte ihre Kirchengemeinden schrittweise zum Wechsel in die Microsoft-Cloud.
Die Jury kritisiert insbesondere, dass in Kirchen besonders sensible Daten verarbeitet werden – etwa über religiöses und gesellschaftliches Engagement sowie aus Seelsorge und kirchlicher Beratung. Aus Sicht der Jury begebe sich die Nordkirche mit ihrer Microsoft-Strategie in eine problematische Abhängigkeit von einem US-amerikanischen Konzern, obwohl europäische und datenschutzfreundlichere Alternativen zur Verfügung stehen.
Thilo Weichert kritisiert in seiner Laudatio: „Die Nordkirche zwingt ihre Mitglieder per Gesetz zur Nutzung und Bezahlung der Microsoft-Cloud-Dienste.“
Kategorie jung und überwacht
Zum zweiten Mal gibt es bei den Big Brother Awards einen eigenen Beitrag von Kindern und Jugendlichen. Die Teckids setzen sich in diesem Jahr mit Forderungen nach einem Social-Media-Verbot und verpflichtenden Alterskontrollen für junge Menschen auseinander. Sie kritisieren, dass pauschale Verbote die Probleme kommerzieller Plattformen nicht lösen und Alterskontrollen zugleich neue Datensammlungen erforderlich machen können. Stattdessen fordern sie sichere digitale Räume, mehr digitale Mündigkeit und Alternativen zu den dominierenden Plattformen – etwa freie und dezentrale Netzwerke wie das Fediverse.
Die Themenwahl und Ausgestaltung des Beitrags stammen von den Kindern und Jugendlichen selbst. Digitalcourage habe sie bei der Entwicklung und Umsetzung begleitet.
Die Jury
Elisabeth Niekrenz, Spirit Legal
Elisabeth Niekrenz ist als Rechtsanwältin bei der Kanzlei Spirit Legal in Leipzig tätig. Sie ist spezialisiert auf Datenschutzrecht und streitet vor Gericht unter anderem für Schadenersatz für Betroffene von Datenschutzverletzungen und gegen Onlinetracking. Sie berät Unternehmen und öffentliche Stellen zur datenschutzkonformen Gestaltung ihrer Prozesse und Produkte. Von 2019 bis 2020 war sie politische Referentin des Vereins Digitale Gesellschaft, in dem sie seither Mitglied ist. Niekrenz ist Mitherausgeberin des 2018 erschienenen Sammelbandes Chaos. Zur Konstitution, Subversion und Transformation von Ordnung.
Dr. Thilo Weichert, Netzwerk Datenschutzexpertise, Deutsche Vereinigung für Datenschutz
Dr. Thilo Weichert ist ehemaliger Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein. Das Netzwerk Datenschutzexpertise ist ein Zusammenschluss von Expertinnen, die Gesetze und Technologien juristisch und technisch detailliert analysieren. Die Deutsche Vereinigung für Datenschutz e. V. (DVD) ist eine unabhängige Bürgerrechtsvereinigung. Seit 2024 ist Thilo Weichert Mitglied des Vorstands von Digitalcourage.
Frank Rosengart, Chaos Computer Club
Frank Rosengart ist ein Urgestein der Big Brother Awards. Seit 2002 ist er Teil der Jury und vergab den beliebten Negativ-Preis in der Kategorie Technik. Frank Rosengart programmiert im Kommunikationsbereich und ist Teil des Chaos Computer Club e. V. (CCC) – 1981 gegründet und die größte europäische Hackervereinigung.
Rena Tangens, Digitalcourage
Rena Tangens ist Künstlerin, Internet-Pionierin und politische Geschäftsführerin von Digitalcourage. Sie hat 1987 Digitalcourage – damals als FoeBuD – mitgegründet. Für ihre Arbeit wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet.
Ralf Bendrath, Politikwissenschaftler, Gastlaudator
Ralf Bendrath ist Referent für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres der Fraktion Grüne/EFA im Europäischen Parlament, wo er vor allem zu Digitalpolitik und Datenschutz arbeitet. In den 1990ern studierte er Politikwissenschaft mit Schwerpunkt auf Sicherheit und Cyberkrieg, in den 2000ern forschte er an verschiedenen Universitäten zu Datenschutz-Regulierung. Von 2009 bis 2018 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Europaabgeordneten Jan Philipp Albrecht, der in dieser Zeit Chefverhandler für die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) war.
Teckids, Jugendorganisation für Digitalrechte
Die Teckids-Gemeinschaft ist eine Gruppe aus Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die alle ein gemeinsames Ziel verfolgen: eine verstehbare (digitale) Welt schaffen. Sie interessieren sich dafür, wie Technik funktioniert, schauen gerne hinter die Kulissen und gehen kreativ mit Hardware und Software um.
Hintergrund der Aktion
Die Organisation Digitalcourage e. V. engagiert sich seit 1987 für Grundrechte, Datenschutz und eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter. Der gemeinnützige Verein finanziert sich durch private Spenden und lebt durch die Arbeit vieler Freiwilliger. Seit 2000 verleiht er jährlich die deutschen Big Brother Awards an Datensünder in Wirtschaft und Politik. Der Negativ-Preis, der von Le Monde als „Oscars für Datenkraken“ getauft wurde, wurde bereits in zahlreichen Ländern an Firmen, Organisationen, Politiker und andere Personen, die in besonderer Weise und nachhaltig die Privatsphäre von Menschen beeinträchtigen sowie persönliche Daten verkaufen oder gegen ursprüngliche Interessen verwenden, verliehen. Der Name ist George Orwells Dystopie 1984 entnommen, in der der Autor bereits Ende der 40er-Jahre seine Vision einer totalitären Überwachungsgesellschaft entwarf.