Der Mai steht bei mir jedes Jahr ganz im Zeichen des ESC. So war es auch 2026 wieder. Eingestiegen bin ich bereits viele Jahre zuvor – zu einer Zeit, als diese musikalische Großveranstaltung noch Grand Prix Eurovision de la Chanson hieß, und ich erinnere mich gut daran, dass ich auch noch lange bewusst vom Grand Prix sprach, als der offizielle Name längst in Eurovision Song Contest (ESC) geändert worden war. Inzwischen ist es auch für mich seit Jahren schlicht der ESC.
Ich hatte 2025 mal versucht, herauszufinden, seit wann ich diesen europäischen Gesangswettbewerb, der bereits seit 1956 veranstaltet wird und Sprachen, Kulturen und Emotionen verbindet, eigentlich regelmäßig gucke, und war darauf gekommen, dass es das Jahr 1998 sein dürfte. Damals war Guildo Horn mit dem Titel Guildo hat euch lieb! für Deutschland angetreten. Meine frühesten ESC-Erinnerungen verbinde ich mit diesem Jahr und diesem Auftritt. Seitdem habe ich keine Ausgabe verpasst und sauge auch sonst alles auf, was mit dem größten Musikwettbewerb der Welt zu tun hat.
Auch wenn sich mein Blog ansonsten meist mit Sprache und Technik beschäftigt, gehört Musik für mich untrennbar dazu – schließlich ist diese eine universelle Sprache der Gefühle. Außerdem funktioniert Musik oft dort, wo Worte an ihre Grenzen stoßen – vielleicht erklärt genau das meine Begeisterung für den ESC.
Das ESC-Jubiläum 2026 nehme ich zum Anlass, meine persönlichen Favoriten, musikalischen Eindrücke und emotionalen Momente festzuhalten. Am Ende dieses Artikels soll es außerdem um die sprachliche Frage gehen, ob 70 Jahre ESC und 70. ESC eigentlich dasselbe bedeuten.
Das deutsche Finale 2026: Vorentscheid
Obwohl ich mich noch sehr gut daran erinnerte, dass der deutsche Vorentscheid im Vorjahr am 1. März 2025 ausgestrahlt wurde, hatte ich es diesmal gar nicht im Blick und somit am 28. Februar 2026 auch nur zufällig vom Sendetermin von Eurovision Song Contest 2026 – das deutsche Finale am selben Abend erfahren. Auch welche Interpreten mit welchen Liedern teilnehmen würden, hatte ich bis dahin überhaupt noch nicht mitbekommen. Die meisten Namen sagten mir außerdem gar nichts – einzig und allein Sarah Engels war mir ein Begriff, auf sie freute ich mich ganz besonders.
Ein Lied nach dem anderen wurde vorgestellt, aber irgendwie konnte mich keines überzeugen. Dann, kurz vor 22 Uhr, war Sarah Engels mit der Startnummer 08 dran. Zunächst befürchtete ich, dass mir auch ihr Lied nicht gefallen könnte, aber es war das erste und einzige, das mich an diesem Abend überzeugte – sogar so sehr, dass ich dafür abstimmte (was ich in meiner ESC-Geschichte noch nie zuvor getan hatte).

1. Halbfinale
Seitdem ich den ESC, vormals Grand Prix Eurovision de la Chanson, verfolge, kann ich mich nicht erinnern, die Halbfinals jemals bewusst geguckt zu haben. Meist wollte ich mich einfach überraschen lassen, ab und zu hatte ich es aber auch schlichtweg vergessen. Dieses Jahr wäre es beinahe wieder an mir vorbeigegangen, aber ich habe die Übertragung des 1. Halbfinales am 12. Mai 2026 gerade noch rechtzeitig mitbekommen und mir fest vorgenommen, diesmal neben dem großen Finale auch die beiden Halbfinals zu verfolgen. Außerdem habe ich mich erinnert, dass es früher solche Bewertungsbögen gab, mithilfe derer man selbst Punkte vergeben / bewerten konnte – also habe ich recherchiert, ob es die noch gab, mir diese aufs Tablet geladen und dort ein paar Notizen zu meinen Favoriten gemacht.
Kaum wurde der erste Titel vorgestellt, war ich auch schon wieder vom ESC-Fieber infiziert und gespannt, ob und wenn ja, welche der 15 vorgestellten Beiträge es in meine engere Auswahl schaffen würden. Denn meist geht es mir genau darum: Konkrete Platzierungen sind für mich eher nebensächlich, genau wie ich politische Diskussionen im Kontext des Wettbewerbs fehl am Platz finde. Mir geht es hauptsächlich um Spaß, Unterhaltung und das gelebte Miteinander. Besonders interessant finde ich jedes Jahr aufs Neue, welche Interpreten mit welchen Liedern antreten – und welche Songs später in meiner Playlist landen.
Der erste Titel, der mir ganz besonders positiv auffiel, war der Beitrag mit der Startnummer 02: Schweden – eine Cover-Version von Cascadas Everytime We Touch (2006), das seinerseits ebenfalls nur ein Cover war.
Ganz besonders beeindruckt war ich dann aber vom Auftritt Finnlands, das mir – wie auch Schweden – die letzten Jahre tatsächlich immer öfter positiv auffällt: Hier überzeugte mich einfach alles, ganz besonders aber das Live-Geigenspiel, denn normalerweise ist beim ESC lediglich der Gesang live, alles andere ist Halbplayback, da es schlichtweg zu aufwendig wäre, alle Instrumente – v. a. aller Auftritte! – zu verkabeln und live abzumischen. Die finnischen Interpreten jedoch hatten im März laut Berichterstattung eine Ausnahmegenehmigung beantragt und darum gebeten, ihre Geige live spielen zu dürfen, was tatsächlich bewilligt wurde. Allein für dieses Engagement hätten sie es schon verdient, zu gewinnen, dachte ich mir. Aber nicht allein deshalb blieb mir dieser Auftritt im Kopf und Ohr: Auch die Bühnenshow fand ich wirklich beeindruckend.
Israels Auftritt hat mich an den französischen ESC-Beitrag von 2024 erinnert, den ich damals auch wunderschön fand und zu dem ich einige Parallelen feststellte.
Meine Favoriten des 1. Halbfinales waren (in der Reihenfolge ihrer Auftritte):
- 🇸🇪 Schweden: FELICIA – My System
- 🇫🇮 Finnland: Linda Lampenius & Pete Parkkonen – Liekinheitin
- 🇮🇱 Israel: Noam Bettan – Michelle
- 🇩🇪 Deutschland: Sarah Engels – Fire (außer der Reihe, da grundsätzlich nicht für das eigene Land abgestimmt werden darf)
2. Halbfinale
Am 14. Mai 2026 schloss sich das 2. Halbfinale an, das mir allerdings insgesamt nicht so gut gefallen hat. Auch hier konnten mich – wie schon im deutschen Finale – die ersten Beiträge zunächst nicht überzeugen. Das erste Lied mit ESC-Potenzial war für mich dann am ehesten das aus Zypern. Mehr wurde es an diesem Abend nicht. Ich hatte mir aber Lettland und Australien notiert, in deren Titel ich noch mal reinhören wollte. Die Lieder dieser beiden Länder setzte ich später noch auf die Liste meiner engeren Auswahl – bei meinen Ohrwürmern, die mich seitdem regelmäßig heimsuchten, waren beide allerdings nicht bzw. nur ganz selten vertreten, weshalb ich sie final auch gar nicht mehr auf meiner Favoritenliste hatte.
Meine Favoriten des 2. Halbfinales waren (in der Reihenfolge ihrer Auftritte):
Das große Finale: Bulgarien gewinnt erstmals den ESC
Am 16. Mai 2026, dem Tag des großen Finales, hatte ich direkt bei meinem morgendlichen Erwachen den ersten ESC-Ohrwurm, der tagsüber von weiteren anderen aktuellen ESC-Titeln abgelöst wurde, die ich die Tage zuvor mitunter in Dauerschleife gehört hatte.
Am Abend dann das große Finale live in Wien. Wie jedes Jahr gehörten für mich auch der Countdown sowie die Aftershow dazu, weshalb es wieder einmal ein langer Abend und eine umso kürzere Nacht wurde. Ich fieberte – mit Knabbereien und Getränken – am heimischen Bildschirm mit und war am meisten auf meine Favoriten gespannt, allen voran die Startnummern 02 – Deutschland, 17 – Finnland und 20 – Schweden.


Da es eine starke Konkurrenz gab, zeichnete sich bereits frühzeitig ab, dass es Sarah Engels schwer haben würde. Anders als die Kritiker, die Deutschland von vornherein keine Chance gaben, glaubte ich allerdings weiterhin an den deutschen Beitrag, wenn auch nicht unbedingt an dessen Sieg, und dachte: Sarah Engels tritt beim ESC an – allein damit hat sie schon gewonnen!
Die Punktevergabe war wie gehabt Nervenkitzel pur: Zunächst wurden die Punkte der Jury aller beteiligten Länder bekannt gegeben, gefolgt vom zusammengefassten Ergebnis der Publikumsabstimmung. Beides wurde am Ende zusammengezählt.
Ich schwankte bis zuletzt zwischen Finnland und Schweden, hätte mich aber auch für Israel, Zypern oder Australien gefreut – oder Deutschland natürlich. Am Ende holte die bulgarische Sängerin DARA mit ihrem Titel Bangaranga den Sieg fürs eigene Land und bescherte Bulgarien damit den ersten ESC-Triumph seiner Geschichte.
Auch wenn ich den Siegertitel nicht in meiner engeren Auswahl hatte, so gönne ich der Gewinnerin ihren Erfolg. Jeder der Interpreten hat es auf seine Art gut gemacht und sein Bestes gegeben – abgestimmt wurde letztlich demokratisch von ganz Europa (und Australien). Hape Kerkeling, der als großer Fan des Eurovision Song Contest gilt, den deutschen ESC-Vorentscheid 1989–1991 moderierte und 2010 deutscher Punktesprecher beim ESC-Sieg von Lena Meyer-Landrut war, fasste diesen Gedanken von Vielfalt, europäischem Miteinander und demokratischer Entscheidung in der Jubiläumsdokumentation 70 Jahre ESC – More than Music treffend zusammen: „Solange es den ESC geben wird, hat die Demokratie in Europa eine Chance.“
70 Jahre ESC vs. 70. ESC
Zum Abschluss noch ein kleiner sprachlicher Exkurs. Eine Sache, die mir im Zuge der Berichterstattung und Übertragung des Musikwettbewerbs des Öfteren aufgefallen ist: Mal war die Rede von 70 Jahre ESC, ein anderes Mal wiederum vom 70. ESC. Ist das wirklich dasselbe oder was stimmt denn nun?, mag sich der eine oder andere aufmerksame Zuschauer vielleicht gefragt haben. Und tatsächlich: Im ersten Moment mag beides dasselbe bedeuten, allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied:
70 Jahre ESC bedeutet, dass seit 1956, als der erste Eurovision Song Contest in Lugano in der Schweiz stattfand, 70 Jahre vergangen sind.
Wie verhält es sich mit der Formulierung 70. ESC – und gibt es einen Bedeutungsunterschied zu 70 Jahre ESC?
Der Unterschied liegt in der Zählweise:
Da der Eurovision Song Contest ein jährlich stattfindender Wettbewerb ist, könnte man zunächst vermuten, dass 2026 der 71. ESC gewesen sein müsste. Der erste Wettbewerb fand schließlich bereits 1956 statt – damals noch unter einem anderen Namen, siehe oben. Rechnet man von dort Jahr für Jahr weiter, käme man 2026 also eigentlich auf den 71. ESC.
Tatsächlich handelte es sich bei dem Wettbewerb 2026 jedoch erst um den 70. ESC. Der Grund dafür liegt im Jahr 2020: Der geplante Eurovision Song Contest musste aufgrund der COVID-19-Pandemie abgesagt werden und fand nicht statt. Dadurch gibt es zwar 70 Jahre ESC-Geschichte, aber nur 70 tatsächlich ausgetragene Wettbewerbe. Ohne die Absage im Jahr 2020 wäre der ESC 2026 die 71. Austragung gewesen.
Kurzum: Beide Formulierungen führten beim ESC 2026 also ausnahmsweise zum selben Ergebnis, auch wenn sie sprachlich nicht dasselbe bedeuten.
Was aber definitiv immer wieder falsch zu hören und lesen war, ist: 70-jähriges Jubiläum. Weshalb das nicht korrekt ist, dazu wird es zu gegebener Zeit einen separaten Artikel in meinem Blog geben, der einen detaillierteren sprachlichen Blick darauf werfen wird.